Ein Wahnsinn namens Fütterung

von Jeannette Aretz

Datum: 02.09.2016


 

pferdia tv Ist ja schon ne Kunst für sich: Gutes Stroh zu finden, zu kaufen, zu füttern. Und da hat noch keiner das böse Wort "Halmverkürzer" in den Mund genommen.  Foto: Klara Freitag 

 

 

In meinem Auto liegt momentan eine Plane. Die kommt heute Abend über mein Heu. Damit mir die Nachbarpferde nicht das gestapelte Heu wegfressen. Eben kam eine E-Mail rein, dass mein Sack Reiskleie geliefert sei, zum Stall. Am Tag davor habe ich schon einen riesigen Pappkarton vom DHL Boten in Empfang genommen, Mineralfutter. Die Woche davor kam ein LKW mit einer Ladung Heu. Man könnte meinen, ich sei ein Stallbetreiber. Weit gefehlt: ich stehe in einem Stall mit bester Versorgung, mit Menschen, die in einer Excel-Liste festhalten, wann das Pferd welches Medikament bekommen hat und wie viele Stunden es genau auf die Weide darf. 

 

Aber: ich bin ein Informationsjunkie und habe das Wort VERANTWORTUNG! auf meiner Stirn stehen.

 

Ich glaube, ich bin mit diesem Futterwahnsinn nicht alleine. Wenn ich zu Kursen fahre, sehe ich in so vielen Ställen Leute mit blauen Ikea-Tüten umherhuschen, die damit Heu in die Box ihres Pferdes schummeln. Manche können ihren Anhänger nicht mehr nutzen, weil der eben als Heulager dient. Einfach zu schlechte Qualität im Stall, heißt es. Oder zuwenig. Oder nur Heulage (here we go, das ist mein Grund für die Eigeninitiative des Heubesorgens). 

 

Letzte Woche war es wieder mal so weit. Ich brauchte neues Mineralfutter. Und wälzte mich durch diverse Literatur und überlegte, welcher Zinkwert denn gut sei, in welchem Futter mir zu viele Füllstoffe drin sind und wie ich denn das CA-P Verhältnis gut einhalten kann. Im Regal stehen 'zig Bücher dazu, ich habe mir Veranstaltungen zu dem Thema angeguckt. Mir sind die Hafer-Fetischisten („Wenn Du etwas anderes fütterst, kommst Du in die Hölle!" ...oder zumindest gehörst Du dann zur Wendy-Fraktion), die Müsli-Mütter („Herrlich, das duftet so gut!") und die Supermarkt-Konsumenten ( „Ach, das gibt ja alles der Stallbesitzer, keine Ahnung, was das für welche sind, eben Pellets!“) ein Begriff. Ich bin in mehreren Gruppen unterwegs im Internet. Meist ist das eher amüsant, letzte Woche habe ich da aber echt eine Entdeckung gemacht: Da gab es den Link zu einer Tabelle, in der mehr als 20 Mineralfutter gegeneinander abgewogen werden (von Vitamin A bis Zink bis hin zum Preis pro Tag ist alles aufgelistet, könnte ich mich stundenlang mit beschäftigen! Da ich aber keinen Schimmer habe, ob die Werte so korrekt sind, wie sie da drin stehen, verlinke ich sie hier erst mal nicht. Wer den Link will, kann mir gerne mailen).

 

Dennoch denke ich bei dem Thema oft: Du hast drei Möglichkeiten. 

 

  1. Du machst eine Ausbildung zu dem Thema
  2. Du fütterst einfach irgendein Mineralfutter, und kaufst danach ein anderes, um keinen Mangel aufkommen zu lassen oder 
  3. Du gehst zu den Alternativen und pflanzt Kräuterbeete, bietest Heilerde und Salze an und schmeißt ab und zu Weidenzweige in den Paddock, um das mit dem Zink (so wichtig für alte Pferde wie meins, die immer wieder mal mit der Haut im Winter Probleme haben) in den Griff zu bekommen. 

 

Kurz: es frustriert mich. Es frustriert mich, dass ich nie den Eindruck habe: alles richtig gemacht. Es ist ein Infofluss open end, und genau dieses Gefühl scheinen Futtermittelkonzerne zu kennen, denn sie schaffen es, mir in hübschen Broschüren durchaus beim Durchblättern ins Ohr zu flüstern: „Hier bist Du richtig! Entspann’ Dich, es wird alles gut!“ Manchmal erzählen sie mir dazu etwas von Wildpferden (Natur gibt’s nur bei uns, und alle anderen machen großen Mist!), manchmal von sportlichen Höchstleistungen (Nie wieder Probleme mit irgendwas, alle Ausbildungsschwierigkeiten werden durch unser Futter behoben!). 

 

Das ist dann zu viel für den Skeptiker in mir.

Der denkt dann: Ihr könnt mich mal. Wer soll denn diesen Mist glauben?

 

Wenn der Skeptiker so richtig laut wird, dann hält er mir vor, wie viele Blutbilder ich für das Pferd im Jahr machen lasse, und wie viele für mich (Pferd: 2-3, ich: 0-1). Wie oft ich mich mit guter Ernährung für Pferde beschäftige, und wie oft ich im Jahr überlege, ob in meiner Ernährung jeder Spurenelementwert berücksichtigt wird (Pferd: > 5, ich: 0). Am besten komme ich bei den Ölen weg. Gutes Öl fürs Pferd und gutes Öl für meinen Salat hält sich die Waage. Zuletzt fragt er mich, wie das Pferd denn gerade aussieht (Juchu, gut!). 

 

Motzig habe ich schließlich wieder bei dem Produzenten mein Mineralfutter bestellt, der an Werbung spart, nicht aber an biologisch gut verfügbaren Mineralien (Wunderwort Chelate!). 

Tipp, tipp, tipp, macht daraufhin die Verantwortung auf meiner Schulter. Und sagt: Hey, das Pferd hat das Zeug auch schon die letzten Monate bekommen. 

 

Kann ja nicht so schlecht gewesen sein, sag’ ich. Aber klar, ich kümmere mich drum. Nächstes Mal wälze ich dann noch mal Zahlen hin und her und guck’ mal, was wir da tun können. Algen und so, für die Muskeln, habe ich ewig nicht mehr gefüttert. Und Bierhefe, wird auch noch mal Zeit, wenn es jetzt auf den Fellwechsel zu geht. Und MSM, für die Gelenke. Und wie war das mit Reiskeimöl? 

 

Muss ich mal nachsehen.

 

 

 

*************

Am Wochenende gibt's im pferdiathek-Magazin immer einen Artikel aus dem Blog www.alifewithhorses.de. Zur Einstimmung ins Wochenende spreche ich, Jeannette, hier oft über Motivation & Gedanken zum Reiten und erzähle, was ich so mache, wenn ich gerade nicht am Laptop sitze und über berühmte Pferde und Menschen schreibe.

Ein entspanntes, wunderbares Wochenende wünscht das gesamte pferdia tv-Team! Tipp: Unsere Filme schauen sich besonders gut mit viel Muße am Wochenende. Haben wir mehrfach getestet und für hervorragend befunden!

 

 

DressurReiten ohne Druck und Zwang, FN-Verlag


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