Die richtigen Schubladen aufziehen

von Jeannette Aretz

Datum: 14.05.2017


 pferdiathek a life with horsesMit Ailena, die Aufgabe lautet: vom schwankenden, langen Frachter zum beweglichen und geschmeidigen Tänzer.    

 

Das Schönste beim Reitunterricht ist, wenn es ein Aha-Erlebnis gibt. Bei mir war das letztens so bei einem Reitkurs mit Claudia Butry. Denn sie hat Schubladen meines Reiterwissens aufgezogen, die ich schon total vergessen hatte.

 

Noch kurz zu Claudia Butry, damit Ihr sie verorten könnt (oder wisst, in welche Schublade Ihr sie steckt, wenn wir schon bei den Schubladen sind): Sie ist Eckard-Meyners-Bewegungslehrerin, Trainerin FN A und gehört zu den wenigen Ausbildern, die Anja Beran empfiehlt. Ich kenne sie schon lange, hatte aber irgendwie vergessen, welchen guten Unterricht ich bei ihr mal genossen hatte. Zum Glück ist es mir wieder eingefallen – und so schnell vergessen werde ich das nicht wieder, denn in den zwei Kurstagen bei uns hat sie mir gleich zwei Aha-Erlebnisse beschert.

 

Ein Schiff in Seenot - und mit wunderbarem Geist 

Ich reite momentan eine Stute, die ziemlich steif und schief ist. Dazu sehr groß und sehr lang. Ein ehemaliges Springpferd. Ailena hat jedoch einen wunderbaren Geist: Sie bemüht sich wahnsinnig, versucht es immer dem Reiter recht zu machen und man merkt jedes Mal, wie ihr Kopf raucht und wie dankbar und froh sie für jede positive Bestärkung ist. Wie schief sich dieses wunderbare Pferd anfühlt, kann man vielleicht am besten nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, auf einem sehr großen, langen Pferd ganze Bahn zu galoppieren. Es fühlte sich in den ersten Wochen an, als ob man auf einem riesigen Schiff sitzt, das in Seenot gerät: Alles wankt und wackelt, und es kostet viel Mühe, das Pferd spurig zu halten und selbst stabil zu bleiben. 

 

Aha-Erlebnis Nummer Eins war die schlichte Frage: „Machst Du mit der Stute Arbeit an der Hand?“ Ähm – nein. Ich habe keine Ahnung warum, ich habe sie stets nur geritten. Dabei habe ich mit meiner eigenen Stute stets viel Arbeit an der Hand gemacht, fühle mich da auch sicher, und es war mir sofort klar, dass alles, was in Richtung Beweglichkeit verbessern geht, also Übertreten lassen zum Beispiel, diesem Pferd helfen könnte. 

 

Unsere Reiterwissen-Schubladen

Zu vergessen, was man weiß, oder was man mal intensiv reiterlich getan hat, ist so typisch finde ich! Wir alle legen uns im Laufe unseres Reiterlebens Schubladen von Wissen an. Doch manchmal, im Alltagstrott, vergessen wir welche davon. Die Schublade ‚Arbeit an der Hand’ ist mir einfach nicht eingefallen, ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen vorher. Noch im Kurs haben wir vermehrt übertreten auf einem verkleinerten Zirkel geübt, und in den Wochen nach dem Kurs habe ich es mit Ailena vor dem Reiten an der Hand immer wieder abgerufen und auch aus dem Sattel heraus. Es tut ihr so gut! Sie weiß inzwischen besser, wie sie ihren Körper einsetzen kann und wirkt geschlossener und schon viel weniger extrem schief. Auch, wenn es noch lange nicht gut ist – es ist auf dem richtigen Weg.

 

Dazu passt ein Übungsablauf, den ich bei unserem pferdia-Dreh bei Anja Beran immer wieder mit verschiedenen Pferden beobachten konnte. Den habe ich ins Trainingsprogramm aufgenommen: Übertreten lassen auf dem verkleinerten Zirkel, anhalten, rückwärts treten lassen, anhalten, auf der nächsten Hand übertreten lassen auf dem verkleinerten Zirkel, wieder anhalten, rückwärts treten lassen und so weiter. Wichtig ist vor allem bei Pferden, die sich so schwer tun wie Ailena, jede richtig gute Bewegung zu loben und Pausen zu machen. Manchmal habe ich nach zwei Tritten schon die Zügel lang gelassen und sie nachdenken lassen – genau das Loben im richtigen Moment brachte der Stute bei, was gewünscht war. Wie sehr das die Mobilität verbessert, ist am Abkauen zu bemerken, und auch in der größeren Beweglichkeit beim Reiten danach. 

 

Danke fürs Schubladen wieder aufziehen, Claudia!

 

Warum herumprobieren gut sein kann

Das zweite Aha-Erlebnis betraf den Galopp. Ich habe diese Stute nie, wirklich nie vernünftig angaloppiert bekommen. Es war immer ein Hereinlaufen, ein Gewürge, und ich wusste nicht, woran das liegt. Ich habe mich selbst kritisch hinterfragt, auf genaue Hilfengebung geachtet und wirklich alle Abläufe, die mir einfielen, ausprobiert: Aus der Volte angaloppieren, aus einem Schulter-Vor angaloppieren, aus dem Schritt angaloppieren, in Außenstellung angaloppieren – nichts führte zum wirklichen Erfolg. Claudia ließ sich das vorführen und sagte dann: „Wir probieren mal was!“ Daraufhin sollte ich mit unterschiedlichster Hilfengebung den Galopp anfragen. Wie verrückt das war: Als ich mit dem verwahrenden äußeren Schenkel trieb, also hier den Einsprung abfragte, sprang die Stute an. Zufall? Wir testen noch mal, und jedes Mal galoppierte sie sofort an, wenn ich mit dem äußeren Schenkel, während er verwahrend war, trieb, und nicht mit dem inneren. Es war so, als ob sie sagen würde: „Ach das meinst Du! Na klar, kann ich machen!“ Offensichtlich wurde sie auf diese Galopphilfe konditioniert, und das Einspringen in den Galopp ist seitdem einfach kein Thema mehr. 

 

 

Was zum Erfolg führte

Aber darauf muss man erst mal kommen, so eine Hilfengebung abzufragen! Da war kein Drill, kein zigmal probieren und immer strenger werden, dem Pferd gegenüber. Da war kein Schimpfen, dass sie nicht zündet. Wir haben nicht mit Druck gearbeitet, sondern Claudia hat nach dem Ausschluss-Verfahren alles abgefragt, was ihr an möglichen Hilfen einfiel. Ich bin darauf von alleine nicht gekommen, ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass man ein Pferd auf einen Impuls am äußeren (!) Schenkel angaloppiert. Dieses breit gefächerte an eine Sache herangehen, ganz offen, das finde ich großartig. 

 

Jedes Mal, wenn ich Ailena heute angaloppiere, heute, denke ich: Ewig dankbar für diesen Tipp!

 

Das waren nur meine zwei Aha-Erlebnisse. Es gab im Kurs noch eine Menge anderer, und eigentlich war es noch viel mehr als das. Wir, die dort waren, haben uns den Claudia-Virus eingefangen. Denn auch wenn ich viele Ausbilder sehe, und wir viele einladen: Das war besonders. Nicht nur, weil sie eben genauso qualifiziert im Dressurunterricht ist, wie in der Sitzschulung. Die Mischung aus fachlich hervorragend, und zugleich pro Pferd und pro Mensch ist höchst selten in dieser Qualität zu finden. 

 

Das ist vielleicht das größte Aha-Erlebnis von allen gewesen.

 

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Am Wochenende gibt's im pferdiathek-Magazin immer einen Artikel aus dem Blog www.alifewithhorses.de. Zur Einstimmung ins Wochenende spreche ich, Jeannette, hier oft über Motivation & Gedanken zum Reiten und erzähle, was ich so mache, wenn ich gerade nicht am Laptop sitze und über berühmte Pferde und Menschen schreibe. 

Ein entspanntes, wunderbares Wochenende wünscht das gesamte pferdia tv-Team! Tipp: Unsere Filme schauen sich besonders gut mit viel Muße am Wochenende. Haben wir mehrfach getestet und für hervorragend befunden!

 

 

   

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