Rückwärtstreten üben - warum das so wichtig ist!

von Wolfgang Marlie & Rike Bergmann

Datum: 29.05.2017


pferdiathekNevada übt das Rückwärtstreten. Fotos: Rike Bergmann

 

„Wooow! Was für ein Sprung!“ Es waren 1.000 Kilo Rheinisches Kaltblut, die vergangene Woche neben Wolfgang Marlie durch die Luft flogen. Mit einem mächtigen Satz wuchtete sich die eigentlich sehr freundliche Stute Nevada über den Reitplatzzaun und galoppierte donnernd zum Stall zurück. Ihr Ausbilder blieb, den Führstrick noch in der Hand, die Augen weit aufgerissen, in einer Staubwolke zurück. 

 

Dann klopfte er sich den Sand, den die tellergroßen Hufe in die Luft geschleudert hatten, vom Hemd und marschierte hinterher. Vor ihrer Box sammelte er das vor Aufregung schwer atmende Pferd wieder ein - und zäumte es dann quasi von hinten auf. Im Rückwärtsgang schob Marlie Nevada die Stallgasse entlang bis in die Reithalle. Das massige Hinterteil vorneweg. Ein Schritt rückwärts, eine Streicheleinheit zwischen den Ohren, nächster Schritt rückwärts, Streicheleinheit…

Rückwärts ist eine der Lieblingsübungen des Reitlehrers aus Scharbeutz an der Ostsee. Seine zwölf Schulpferde weichen auf ein akustisches Signal, einen Zischlaut, hin zurück. So wie die sprunggewaltige Nevada lernt auch jedes Gastpferd, das auf seinen Hof kommt, das Stimmkommando kennen. Sowohl vom Boden aus, als auch unter dem Sattel.

 

pferdiathekDie junge Stute ist sehr freundlich, mit drei Jahren braucht es halt einfach noch ein bisschen Ausbildung. 

 

Hier erzählt er, warum diese Übung für ihn so wichtig ist und, wahrscheinlich weil er gerade zum ersten Mal Opa geworden ist, liefert er die Erklärungen dazu ein bisschen im Stil der „Sendung mit der Maus“:

 

Pferdekommunikation ist sehr simpel, manchmal zu simpel für uns Menschen. Denn Pferde tauschen nur zwei Botschaften miteinander aus: Sie fordern Abstand, indem sie sich treiben oder sie laden sich in eine freundliche Nähe ein. In der ‚Sendung mit der Maus‘ würde man das vielleicht so erklären ‚Wenn zwei Pferde miteinander reden wollen, dann versucht der eine den anderen zu bewegen. Und der, der das besser kann, der ist der Chef.‘ Ich mag das Wort Chef in diesem Zusammenhang zwar nicht besonders, weil es so etwas von ‚Ich hier oben und du da unten‘ hat. Aber einer muss nun mal sagen, wo es lang geht. Gerade Pferde brauchen das, um sich sicher zu fühlen.

 

pferdiathekIn den Filmen der pferdiathek erklärt Wolfgang Marlie zum Beispiel, wie er am Boden mit feinen Signalen arbeitet.

 

Der Haken ist nur, so ein Kaltblüter ist nirgendwo instabil.  

Nevada war, als ich sie zum ersten Mal aus ihrer Box geholt habe, sehr unsicher: Erster Tag in fremder Umgebung, keine vertrauten Kumpels weit und breit und dann kommt so ein fremder Typ vorbei und sie soll ihm glauben, dass er schon gut auf sie aufpassen wird. Ganz schön viel verlangt für eine Dreijährige. Sie ist wiehernd neben mir her zum Reitplatz getrabt. Normalerweise bin ich relativ routiniert darin, unruhige Pferde an der Schulter zu bedrängen, sie aus dem Gleichgewicht zu schubsen und so auf mich zu konzentrieren. Ich treibe sie dafür an einer Stelle, an der sie relativ instabil sind. Der Haken ist nur, so ein Kaltblüter ist nirgendwo instabil.

 

pferdiathekBeeindruckend: An dieser Stelle setzte die Stute über den Zaun - den Hang hinauf, ohne dass sie den Zaun berührte!

 

Also hatte ich die Idee, Nevada laufen zu lassen. Damit sie ihre Unruhe in Bewegung umsetzen kann. Hat sie dann ja auch gemacht. Nur, dass sie dabei den Platz verlässt, das gehörte nicht zu meinem Konzept. 

Ihre sehr liebevollen Besitzer erzählten mir später, dass sie auch zuhause problemlos über hohe Zäune geht. Davon abgesehen, dass so ein Pferd natürlich alles wegschieben kann, was sich ihm vermeidlich in den Weg stellt. Sie sind ja genau dafür gezüchtet, sich ins Zeug zu legen, schwere Baumstämme oder Kutschen zu ziehen.

 

Vier feste Wände geben Halt

Damit uns vier feste Wände beim zweiten Kontaktversuch unterstützen, sind wir in die Halle umgezogen. Da habe ich sie am Strick behalten und weiter schrittweise um rückwärts gebeten. Wie genau ich das mache? Bei der Sendung mit der Maus würde man es so beschreiben: ‚Der Wolfgang steht jetzt vor dem Pferd und streichelt es zwischen den Ohren. Die Nevada macht dann immer den Kopf runter. Streicheln zwischen den Ohren, das findet sie gut. Wolfgang steht ganz entspannt vor ihr und krault sie. Wenn er möchte, dass sie wieder einen Schritt zurück geht, drückt er mit der Faust an ihre Brust. So als wollte er sie wegschieben. Das kann der Wolfgang zwar gar nicht, er ist ja nicht Herkules. Aber die Nevada versteht es trotzdem und macht einen Schritt rückwärts. Ist ja auch lästig, so eine Faust, die sich in dich rein bohrt. Immer wenn das Pferd einen Schritt gemacht hat, lässt Wolfgang den Druck nach und streichelt es wieder. Immer wenn er Druck aufbaut, also die Faust gegen Nevada drückt, zischt er dazu. So Zzzzzzzzzz. Das kommt vom Wort zurück und ist ein Signal, das für Nevada rückwärts bedeuten soll. Sie lernt also, immer wenn das Geräusch Zzzzzzzz kommt, gehe ich lieber einen Schritt zurück, sonst drückt der kleine Mann wieder die Faust gegen mich.‘

 

Das Ruhebedürfnis entwickeln

Ich biete dem Pferd damit eine Ordnung an und baue eine Kommunikation auf, die nur aus den beiden Botschaften besteht, die sie auch mit einem anderen Pferd austauschen würde: Ich treibe sie, fordere Abstand und ich lade sie in eine freundliche Nähe ein. Etwa zum Fellkraulen. So lange, bis es für sie zum Ritual wird. Und Rituale geben Sicherheit. Für Pferd und Reiter. Natürlich ginge das Ganze auch im Vorwärtsgang, wird dann aber leicht mal unhandlich. Im Rückwärts entwickelt das Pferd schneller ein Ruhebedürfnis,  fragt, ob es nicht lieber stehen bleiben darf. Das finde ich viel freundlicher, als Stillstehen anzuordnen. Und sinnvoller, denn in der Natur kann kein Pferd ein anderes zum Stehen zwingen. Ungefähr so, wie man niemanden dazu zwingen kann, jetzt sofort zu schlafen. Als meine Kinder klein waren, habe ich abends versucht, sie ins Bett zu stecken und sofortiges Einschlafen zu verordnen. Das hat, sagen wir es vorsichtig, nicht so gut funktioniert. Also haben wir stattdessen dafür gesorgt, dass sie sich tagsüber müde spielten und so ihr Ruhebedürfnis geweckt. Egal ob Pferd oder Kind, wenn ich eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen möchte, ist es sinnvoller, Rituale zu entwickeln und Einladungen so zu gestalten, dass sie gern angenommen werden, statt Ansagen von oben zu machen.

Und wie geht es mit Nevada weiter? Inzwischen bleibt sie auch frei auf dem Reitplatz an meiner Seite - und stellt sich bei jeder Gelegenheit mit abgesenktem Kopf vor mich: "Bitte zwischen den Ohren kraulen."

 

Über die Autoren

Wolfgang Marlie ist als Ausbilder in der pferdiathek vor allem für seine begeisternde Art, mit Pferden zu arbeiten, bekannt. Er hat noch bei Paul Stecken gelernt und betreibt mit seiner Frau eine Reitschule an der Ostsee. Dieser Ort hat seine ganz eigene Magie, und das pferdia-Team ist immer ganz begeistert, wenn es dort war: Es ist ein friedlicher Ort für Pferde und Menschen, mit einer hervorragenden Ausbildungsphilosophie am Boden wie im Sattel. 

Rike Bergmann geht bei Wolfgang Marlie seit Jahren ein und aus. Sie hat mit ihm sein Buch "Pferde wie von Zauberhand bewegt" geschrieben und ist als Journalistin und Pferdekennerin gleich mehrfach qualifiziert. Die beiden sind ein super Team, wenn es darum geht, Wolfgang Marlies Arbeit für viele andere Menschen schriftlich zugänglich zu machen.

 

 

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