Die eigenen Grenzen der Reiterei - und warum das auch neue Chancen sind

von Jeannette Aretz

Datum: 08.12.2017


pferdia a life with horses

Chamonix in ihrer vierten Berittstunde mit Springreiterin Isabelle Gerfer. Foto: Klara Freitag

 

Daheim habe ich ja seit ein paar Monaten ein feines Deutsches Reitpony. Das nun, nach ein paar Jahren als Zuchtstute, von mir wieder angeschoben wird. Sieben Jahre alt ist die Süße, und sie macht wahrlich Freude. Wir haben ziemlich viel vor. Denn auf die Frage: "Was soll das Pony lernen?" Kann ich nur sagen: "Alles."  So einfach ist die Antwort. Meint für mich:

  • Eine vernünftige dressurmäßige Grundausbildung erhalten.
  • Gelassen bleiben, in jeder Situation.
  • Ins Gelände gehen.
  • Kinder schaukeln.
  • Als Handpferd gehen.
  • Die Arbeit an der Hand kennen lernen.
  • An Straßen entlang gehen.
  • An Traktoren vorbei gehen.
  • Springen.
  • Kinder auf ihrem Rücken voltigieren lassen.
  • Durchs Wasser gehen.
  • Ins Meer gehen.
  • Trabstangen und Cavaletti kennen.
  • Horsemanshipsachen mitmachen.
  • Ein bisschen Zirzensik.
  • Sich verladen lassen.
  • In der Gruppe draußen an jeder Position gehen.
  • Eine Kutsche ziehen, irgendwann.

 

Das Pony bleibt, wird ein Familienpony, und da ist die Liste eben lang. Ich könnte sie noch  ewig lange fortschreiben, die Liste. Aber ihr merkt, was ich meine. An einige Sachen konnten wir auch schon Haken machen: Sie hat das Meer kennen gelernt in diesem Sommer. Sie geht an jeder Position ins Gelände, sie lässt auf sich rumturnen, sie geht an der Straße entlang, sie lässt sich gut verladen. Ihr Charakter macht’s aber auch einfach. Sie ist einfach ziemlich gelassen, dabei fleißig und interessiert.

 

VIELSEITIGE AUSBILDUNG

Ich kann eine Menge ausbildungsmäßig selbst machen, bringt das eben so mit sich, die Pferdeerfahrung. Aaaaber: ich kann nicht alles selbst machen, perfekt schon mal gar nicht. Ich kenne meine Grenzen, und in dieser Liste liegen die ganz eindeutig beim Springen.

Springen ist an sich eine tolle Sache. Aber wenn man nur alle Jubeljahre mal springt, und am liebsten auf Pferden, die den Job in – und auswendig kennen, ist man meiner Meinung nach mal offensichtlich nicht die richtige Person, um das einem Pferd selbst beizubringen.

 

EIN KINDERPONY FÜR JEGLICHE SITUATION

Das Springen gehört jedoch zu einer vielseitigen Ausbildung, finde ich. Es ist einerseits eine Bewegungserfahrung, die ich dem Pferd nicht vorenthalten will. Außerdem heißt unser Ziel: Ein Kinderpony für jegliche Situation ausbilden. Also soll sie natürlich auch das können.

Zu meinem allergrößten Glück steht meine Freundin Philippa mit ihren Isländern in einem Stall, in dem sehr viele Springpferde zuhause sind. Von einer Reiterin dieser Springpferde hat sie mir oft Gutes erzählt. Dass sie eine wirkliche Beziehung zu ihren Pferden hätte. Dass sie schön reitet. Gefühl habe. Und dass sie es kann, das Springen, natürlich. Kader der jungen Reiter, das spricht wohl für sich. Die wird sich wohl kaum vermetern, und das Pony unpassend zum Sprung bringen. Genau deshalb möchte ich das nämlich nicht selbst machen. Ich will jemanden, der Sicherheit geben kann und das Springen zu einer super guten Erfahrung fürs Pony macht. Diese Springreiterin heißt Isabelle Gerfer (hier habe ich sie interviewt und sie erzählt über ihr Herzenspferd und ihre ersten Weltranglistenpunkte). Also habe ich sie gefragt, ob sie mein Pony springen mag, und juchu, sie wollte.

Seitdem habe ich ein neues Hobby mit Pony: den beiden zusehen. Jede Woche oder jede zweite treffen wir uns, und Isabelle bringt Chamonix das Springen bei. Ich lege Stangen auf und stehe daneben. Das mache ich gern: Es ist so schön, sein Pferd von unten zu sehen!

 

SO HABEN WIR ANGEFANGEN

Das erste Mal gab’s noch keine Sprünge, sondern erst mal nur Galoppstangen. Isabelle zeigte ihr, wie sie sich im Galopp zurücknehmen lassen soll oder wie sie mit großen Galoppsprüngen die Distanz zwischen zwei Bodenstangen entlang galoppieren sollte.  Das zweite Mal ebenso, und  zusätzlich bauten wir ein kleines Kreuz auf. Ich war ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht sicher, ob das wirklich so eine tolle Idee für das Dressurpony war (so ist sie nämlich gezogen, rein papiermäßig ist das ein Dressurpony). Es sprang, irgendwie. Aber das war es dann auch schon.

Genau an dieser Stelle, die noch ein paar Mal auftauchte, war ich wieder total glücklich darüber, dass Isabelle das macht. Denn sie kann einschätzen, ob das nun ganz normal für ein junges Pferd ist, das erste Erfahrungen macht, oder doch eher etwas untalentiert. Isabelle war jedes Mal zufrieden. Erfahrung ist eben unersetzlich. Sie weiß, wie im Springen unerfahrene Pferde wann wie reagieren.

 

EY, KEIN EHRGEIZ!

Als das Pony verstanden hatte, worum es geht, zog es an. Und zwar nicht nur in der Springstunde. Sobald da etwas in der Halle aufgebaut war, und ich nur ein bisschen so reiten wollte, ohne Springambition, hatte ich einen Düseblitz unterm Hintern. Und dachte an meine Liste da oben, mit all den Ausbildungssachen in Richtung Verlasspony mich-kann-nix-erschüttern-ich-bin-immer-brav. Gern hätte ich ihr zugerufen: „Hey Chamonix, Du sollst ein KINDERPONY werden, kein Springsport-Pony mit Feuer unterm Hintern!“

Was natürlich Quatsch ist. Ich selbst musste mich besinnen und alle Emotion rausnehmen, um sie schön ruhig und konzentriert zu bekommen.

 

DENNOCH: DAS PONY MUSS GAR NICHTS!

An dieser Stelle muss ich kurz noch was sagen: Auch wenn ich da oben eine Liste geschrieben habe, und über das Springtraining berichte. An sich muss das Pony gar nichts. Es ist einfach da, und es wird gemocht, egal was es davon erfüllt, gut oder schlecht macht. Ich habe diese lange Liste da im Kopf, aber im Prinzip ist es gut so, wie es ist. So eine Liste ist ein schöner roter Faden – aber darf nicht mehr werden. Sonst macht es nämlich Druck, wie das Pony bitteschön zu werden hat. Es ist schön, wenn es wird und besser wird – aber es ist von Anfang an gleich viel wert und wird gut versorgt. Sie ist einfach eine wunderbare Ponystute – egal, wie sie ihre Vorderbeine zum Springen nun in einer schönen oder schlechten Manier nutzt, oder ob sie ruhig oder fleißig läuft. Die Grundeinstellung zum Tier beeinflusst das nicht!

Es half Geduld. Von Stunde zu Stunde lernt Chamonix mehr, zurück zu kommen, sich zurücknehmen zu lassen vor dem Sprung. Es sieht inzwischen so richtig nach Springen aus, man sieht ihren Eifer und ihren Willen. Sie schaut nach dem nächsten Sprung und möchte alles richtig machen.Wir haben den Eindruck, es macht auch ihr großen Spaß!

 

AM SITZ HABEN

Und es fühlt sich auch gut an. Als wir das letzte Mal dieser Tage was aufgebaut hatten, durfte ich auch mal ein Kreuzchen mit ihr springen. Als ich sie von Isabelle übernahm, merkte ich sofort, wie viel mehr Isabelle das Pony am Sitz hat. Viel mehr als ich! Gut, das zu fühlen, und gut, zu merken, was noch geht und wer einem helfen kann.

Die Bilder, die ihr hier seht, sind am letzten richtig warmen Herbsttag entstanden. Ich glaube, man sieht Chamonix Ehrgeiz ganz gut, oder? Es scheint ihr Freude zu machen, sie peilt sofort die Sprünge an und schwingt sich mit ihrem Kugelbauch hinüber. Noch mehr davon gibt es übrigens hier auf dem Blog zu sehen!

Ein schönes Wochenende Euch! Wir drei treffen uns übrigens genau an diesem Wochenende wieder zum Springen. Ich freue mich schon - aufs Stangenschleppen und Pony von unten angucken!

 

 

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Einmal die Woche gibt's hier im pferdia-Magazin einen Artikel aus dem Blog www.alifewithhorses.de. Am Wochenende spreche ich, Jeannette, hier oft über Motivation & Gedanken zum Reiten und erzähle, was ich so mache, wenn ich gerade nicht am Laptop sitze und über berühmte Pferde und Menschen schreibe. 

Ein entspanntes, wunderbares Wochenende wünscht das gesamte pferdia-Team! Tipp: Unsere Filme schauen sich besonders gut mit viel Muße am Wochenende. Haben wir mehrfach getestet und für hervorragend befunden!

 

 

  

  

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