Runterfummeln als Hilfsmittel? Was dagegen spricht.

von Jeannette Aretz

Datum: 22.02.2018


 pferdia runterfummeln  Im Stand übt Britta Schöffmann mit ihren Schülern zuerst, nicht mehr zu fummeln.  Alle Fotos: Inge Vogel  

 

„Der Kopf muss runter!“ Egal, ob man das so formuliert oder ohne es auszusprechen einfach danach reitet – es ist ein weitverbreiteter Anspruch und ein Irrglaube. Die Dressurausbilderinnen Dr. Britta Schöffmann und Anja Beran erklären, warum Runterfummeln nicht der richtige Weg ist.

 

Gründe für das Runterfummeln:

 

  1. Angst, dass man ein schlechtes Bild abgibt

„„Für viele Reiter ist es offenbar das Wichtigste, dass der Kopf runter kommt“, sagt Dr. Britta Schöffmann. „Und schon fängt die Fummelei an. Die, mit denen ich lange arbeite, wissen, dass ich nicht sofort meckere, wenn ihr Pferd mal nicht gleich am Zügel geht.“ 

 

  1. Keine Ahnung, wie das Pferd anders an den Zügel kommt

Britta Schöffmann fällt die Hilflosigkeit und auch Unkenntnis mancher Reiter in solchen Situationen auf: „Es gibt Reiter, die stehen neben mir, hören Erklärungen zu oder wollen anreiten – und die ganze Zeit fummeln sie bewusst oder unbewusst und versuchen, mit der Hand den Kopf des Pferdes runter zu zwiebeln. Frage ich nach, warum sie das tun, höre ich oft: ‚Der muss doch am Zügel gehen!’“ Die Ausbilderin erklärt dann, dass sich dieses Am-Zügel-Gehen aus der reiterlichen Arbeit von hinten nach vorn entwickelt, nicht aus der Hand. „Das bedeutet, dass sich das Hinterbein des Pferdes auf treibende Hilfen vermehrt nach vorn Richtung Schwerpunkt bewegt. Dadurch entsteht auch ein Hauch mehr Druck aufs Gebiss – aber eben von hinten nach vorn und nicht umgekehrt durch eine fummelnde oder ziehende Reiterhand. Ist das Pferd korrekt in die Reiterhilfen eingerahmt, gibt es im Genick nach, rundet seinen Hals und kommt an den Zügel.“

 

  1. Gewohnheit

Doch auch manche Reiter, die gar nicht riegeln und stören wollen, tun es unbewusst. „Der Mensch ist generell handorientiert, wir können greifen und tun das auch in Situationen, in denen es nicht angebracht ist“, erklärt Anja Beran. „Deshalb steht an Gemälden in Museen auch häufig ‚bitte nicht anfassen’ – wir nutzen unsere Hände automatisch, und es fällt uns sehr schwer, das zu lassen.“ Deshalb sei es für den Menschen so schwierig, nur mit dem Sitz das Pferd beim Reiten zu beeinflussen und so wenig wie möglich mit den Händen.

 

pferdia  Eine gleichmäßige, gute Anlehnung entsteht definitiv nicht durch Fummeln oder Spielen. Hier bei Anja Beran in der Halle: Pferdewirtschaftsmeisterin Eva Steinbach.  Alle Fotos: Inge Vogel

 

 

>>> TIPP: 

Wer es besser machen will, findet bei uns jede Menge Wissen und Trainingshilfen dazu. Wie eine gute Anlehnung entsteht zeigen wir in vielen Lehrfilmen. Zum Beispiel die Suche nach Anlehnung und Selbsthaltung,  erklärt von David de Wispelaere in diesem Lehrfilm. Britta Schöffmann zeigt in diesem Lehrfilm hier, wie eine korrekte Stellung entsteht und zeigt, wie sich die Reiterhand bewegen sollte. Uta Gräf konzentriert sich in dieser Trainingssituation darauf, wie Pferd Lenny durch den Körper an die Hand schwingen soll. Das Übertreten lassen im Schritt, wie Anja Beran es in diesem Artikel beispielhaft beschreibt, kann man sich hier und hier ansehen. 

 

 

Was daran schlimm ist:

  

  1. Blockieren der Hinterhand

„Runterfummeln hat einen bremsenden Effekt. Die Hinterhand ist wahrscheinlich zuvor schon nicht sehr aktiv. Manipuliere ich dann noch vorn am Maul, wird sie noch schlapper“, erklärt Anja Beran. Wenn die Pferde dann abkippen, „geben sie oft nicht reel im Genick nach, sondern lassen sich nur im Widerrist fallen, und dann komme ich nicht mehr an den Rücken heran!“

 

  1. Keine tatsächlich gute Anlehnung

„Wenn das Pferd aufgrund des Runterfummelns den Kopf fallen lässt, hat der Reiter ein besseres Gefühl. Aber das Pferd ist in Wahrheit nicht besser, oft erstickt man die Hinterhand, bremst sie aus. Es sieht auf den ersten Blick besser aus, ist aber nur hinmanipuliert“, erklärt Anja Beran.

 

  1. Symptom, nicht Ursache

„Man schraubt durch das Runterfummeln nur am Symptom rum“, sagt Anja Beran. „Wenn der Motor, also die Hinterhand, nicht aktiv ist, und der Rücken verspannt ist, dann hat man allenfalls auf den ersten Blick den Eindruck einer schönen Silhouette, aber das geht am eigentlichen Problem vorbei! Bei Korrekturpferden muss ich als Reiter damit leben können, dass der Kopf hoch kommt, deutlich vor die Senkrechte, dass sich das Pferd auch mal heraushebt. Das sieht eine Zeitlang nicht schön aus, ja! Das Problem ist: Genau das will keiner sehen, aber genau das ist der Weg während der Korrektur, oder er kann es sein!“

 

 pferdia  Hilfe von unten: Anja Beran bildet Pferde klassisch aus . Alle Fotos: Inge Vogel  

 

 

 

So geht’s anders:

 

  1. Im Stand Hand stehen lassen

Bei Reitern, die sich angewöhnt haben, mit der Hand zu fummeln, beginnt Dressurausbilderin Britta Schöffmann gern im Stand: „Ich sage dann: Faust schließen und einfach mal dem Druck standhalten, den das Pferd am Gebiss vorgibt. Nicht fummeln, nicht bewegen, sondern dem Pferd die Zeit geben, mal auszuprobieren und selbst herauszufinden, wann dieser Druck weniger wird. Irgendwann folgt bei den meisten Pferden eine kleine Kaubewegung oder ein leichtes Absenken des Kopfes.“ Genau in dem Moment soll der Reiter seine Fäuste entspannen. Hebt sich das Pferd wieder raus oder quengelt herum, soll der Reiter die Fäuste sofort wieder vermehrt schließen.

 

„Die Pferde lernen: Wenn ich den Hals runde, geht der Druck vom Gebiss weg. Der Reiter versteht: Er muss nur aushalten, nicht manipulieren.“ Dies lässt Britta Schöffmann die Reiter zunächst im Stand erspüren, da hier meist allein mit der Spannungsveränderung der Fäuste gearbeitet werden kann. In der Vorwärtsbewegung muss das Zusammenspiel von Zügel- und Schenkelhilfen wirken. Denn sonst wird der Bewegungsfluss negativ beeinflusst wird. Doch dieses Zusammenspiel ist für den Reiter schwieriger und daher ist es erst der Schritt Zwei in der Lernsystematik. „Außerdem lassen sich die meisten Reiter beim Halten eher darauf ein, mal abzuwarten statt zu fummeln. Und das Pferd kann ungestört Lösungen anbieten, bis es die Richtige, also das Runden und Nachgeben, entdeckt und schließlich begriffen hat!“

 

  1. Erkenntnis bewahren

„Dieser für viele Reiter neue und ungewohnte Weg, im Stand zu erfahren, wie wenig doch notwendig ist, damit das Pferd nachgibt und kaut, bringt oft ein unglaubliches Aha-Erlebnis“, so Britta Schöffmann. Ihrer Erfahrung nach verfallen die Reiter danach meist nicht mehr so schnell in alte Muster des Runterfummelns. „Erkenntnis ist bei vielen der Weg zur Besserung.“

 

 

  1. Schrittarbeit

Anja Beran arbeitet mit Pferden, die zum Herausheben neigen, gern erst mal im Schritt in Seitengängen. „Das macht mobil, ich löse so den Rücken, die Hinterhand wird aktiviert.“ Die Anlehnung ist schließlich ein Nebenprodukt. Eine Ausnahme gibt’s: Wenn sich ein Pferd extrem auf einer Seite festmacht aufgrund einer deutlichen Schiefe. „Dann kann ich mal eine Hand seitwärts führen, annehmen, nachgeben, und wieder öffnen. Aber nicht mit Kraft und nicht durchhaltend bis zur Ermüdung! Die Idee dabei soll sein, das Pferd ein bisschen Stellen zu können, es nicht weiter so schief laufen zu lassen. Das Pferd soll sich in der Ganasche stellen und sich dadurch etwas entspannen. Da muss man manchmal mit der Hand etwas helfen, da ich das Pferd nicht so schief weiterlaufen lassen möchte.“ Ein Nebeneffekt: Das Pferd wird so auch zum Kauen animiert.

 

 

 

 

 

 

 

   

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