Interview Benjamin Werndl: So findet man gute junge Pferde

von Jeannette Aretz

Datum: 03.02.2016


pferdia tv Mit der Schwester und Ausbildungspferden auch im Gelände unterwegs: Benjamin Werndl.

 

Spitzenpferde entdecken, wenn sie noch jung und bezahlbar sind - das ist eine Wissenschaft für sich. Egal wie groß oder klein das Portemonnaie des Käufers, ein jeder will wohl wissen, wie man den Kracher von morgen schon heute entdeckt. Benjamin Werndl kennt sich darin aus: er bildet auf Gut Aubenhausen in Bayern junge Pferde bis zur höchsten Klasse aus. Zudem reitet er selbst im internationalen Grand-Prix-Sport und coacht seine Schwester Jessica von Bredow-Werndl. Und  zwar so erfolgreich, dass sie inzwischen zu den Top Ten der Weltrangliste gehört. 

Junge Pferde zu entdecken ist seine Passion - so hat er zum Beispiel auch ihre erfolgreiche Nachwuchsstute Zaire, die in die Fußstapfen vom Star des Stalles, Unee, tritt, entdeckt.

 

Wenn jemand Sie anruft und sagt: „Ich hab da ein ganz tolles Jungpferd, den musst Du Dir ansehen!“, welche Beschreibung würde Sie aufhorchen lassen?

Keine. Bevor ich losfahre, um ein Pferd zu sehen, brauche ich ein Video, und darin muss ich ein Aha-Erlebnis haben. Dann muss ich als nächsten Schritt das Pferd live sehen. In erster Linie achte ich darauf, dass das Pferd sich durch den Körper bewegt. Es ist mir weniger wichtig, wie das Pferd die Beine hochreißt. Das Pferd muss in Balance sein, dann macht es „Klick!“ in Sekunden, ob mich das Pferd anspricht oder nicht.  

 

Welche kleinen Mankos nehmen Sie in Kauf?

Es ist so, dass die Pferde heutzutage keine schwache Gangart mehr haben sollten. Der Schritt muss da sein, das ist ganz schwer, den zu verbessern. Auch der Galopp sollte von Hause aus so gut sein, dass ein Pferd sich tragen und im Gleichgewicht sein kann. Beim Trab gehen wir schon eher Kompromisse ein. Oft ist es so, dass ein Pferd, wenn Galopp und Schritt gut sind, keinen so besonders schwungvollen Trab zeigt. Das hält mich davon nicht ab, ein Pferd gut zu finden. Ganz wichtig ist, dass die Hinterbeine korrespondieren zum Vorderbein, die Hinterhand soll stets aktiv und unter dem Schwerpunkt sein.

 

Wie entwickeln Sie in der Ausbildung dann den Trab?

Wenn das Pferd dann gut vom Hinterbein her trabt, aber noch nicht diesen Schwung hat, dann können wir das im Laufe der Ausbildung verändern. Ganz kurz angerissen kann man sagen: Um die Tritte zu vergrößern, muss ich den Ablauf entschleunigen. Dadurch wird der Takt größer und länger und das Pferd entwickelt Schwung. 

 

 pferdia tvJunge Pferde mit Geist ausbilden - das gilt sowohl für das Gemüt des Tieres, als auch für eine durchdachte Ausbildung. 

 

Welche Art von Gemüt bevorzugen Sie?

Ich möchte ein Pferd mit Geist, das arbeiten will. Wenn das schon mal stimmt, kann ich im Körperbau auch Kompromisse eingehen. Auf jeden Fall suche ich ein gehfreudiges Pferd, sie müssen Lust haben zu laufen. Die Pferde, die tendenziell eher spannig sind, sind oft die, die hinterher mehr Kraft haben. Piaff-Passage-Arbeit hat viel damit zu tun, positive Spannung aufzubauen. Wenn ich ein Pferd habe, das nur locker ist, das kaum positive Spannung aufbauen kann, dann wird es für die Pi- und Pa–Arbeit manchmal schwierig.

 

Wonach konkret gucken Sie, wenn Sie nach jungen Pferden Ausschau halten? Gibt es da bestimmte Momente, die ihnen wichtig sind?

Neulich beim Hengstmarkt in Verden fanden wir, also meine Schwester und unser Trainer Jonny Hilberath, einen Hengst ganz auffällig. Alle Pferde dort waren sehr im Vorwärts, trabten sehr spektakulär. Aber dieser eine war auch bei geringem Tempo, im kleinen Trab sozusagen, schwungvoll. Es ist eine entscheidende Voraussetzung, dass sie auch im Kleinen gut traben können. Ich sehe die Pferde auch ganz gern mal ganz ohne Druck zu machen an der Longe oder unterm Sattel, um mal zu schauen, ob die Pferde von sich aus locker durch den Körper gehen. Ein Titel beim Bundeschampionat beispielsweise ist für mich keine Garantie, dass das Pferd später technisch brillieren kann und sich klein machen kann. 

 

Es heißt oft, für ganz oben gäbe es so wenig geeignete Nachwuchspferde. Stimmen Sie dem zu?

Es gibt sehr viele talentierte Pferde, aber die Grundvoraussetzung ist die Ausbildung, und da gibt’s definitiv Verbesserungsbedarf. Viele Pferde werden zu früh gefordert, überfordert. Es bleiben da einige Pferde auf der Strecke. Deshalb ist der Markt für fertige Grand-Prix-Pferde tatsächlich dünn: entweder gibt es einen gesundheitlichen Haken, das Pferd ist unbezahlbar oder nicht verkäuflich. 

 

Wenn Sie ein Jungpferd ausbilden: wo ist die Schwelle, an der Sie bemerken: Der taugt für ganz oben?

Es gibt zwei große Klippen in der Ausbildung: die fliegenden Wechsel und die Piaff-Passage-Arbeit. Ist ein Pferd fünf, sechs oder sieben Jahre alt, dann hat man nur eine Vermutung, dass es Grand-Prix-Potential hat, man muss dem Pferd Zeit geben. Es braucht Nerv, Haltbarkeit, muss gesund bleiben und auch große Turniere mental mitmachen. Ich kann mit einem Vierjährigen nicht testen, wie er sich in einem Viereck mit 8000 Zuschauern verhält. Ich muss abwarten, ob er sich später von der Kulisse erschlagen lässt, oder über sich hinauswächst. Wir suchen genau diese Hochbegabten, diese Wettkampftypen. 

 

 

 pferdia tvHaltbarkeit und Nerv ist mindestens genauso wichtig wie die Bewegungsqualität. Fotos: Inge Vogel 

 

 

Das Pferd in positiver Spannung, FN-Verlag


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