Warum die Hangbahn Losgelassenheit und Gleichgewicht fördert

von Kurd Albrecht von Ziegner

Datum: 11.04.2016


pferdia tv Kurd Albrecht von Ziegner, Vertreter der klassischen Reitkultur und der H.Dv.12. Foto: Inge Vogel

 

Bei unserem Besuch und Dreh vor einigen Wochen bei Kurd Albrecht von Ziegner zog der Grandseigneur der vielseitigen klassischen Ausbildung irgendwann zwei Schriften auf gelbem Papier hervor. Die eine über die Losgelassenheit des Pferdes, und wie die Hangbahn diese fördert. Die andere eine Auseinandersetzung mit der Skala der Ausbildung. Geschrieben hat der nun 98-jährige Ausbilder beide Papiere in diesem Jahr eigenhändig. 


Hier ist der erste der beiden Fachartikel namens „Die Hangbahn – natürliches Hilfsmittel zur Förderung von Losgelassenheit und Gleichgewicht von Reiter und Pferd“ in vollem Umfang zu lesen. Er wählt klare Worte, und so endet diese Schrift mit dem markanten Aufruf: „Ich würde mir wünschen, wenn auch in unserer Reitersprache endlich die ‚Rollkur’ verschwindet und bestenfalls als ‚ZWANGSJACKE’ in schauerlicher Erinnerung bleibt.“

 

 

Im März 2016, Kurd Albrecht von Ziegner:

 

Die Hangbahn - Natürliches Hilfsmittel zur Förderung von Losgelassenheit und Gleichgewicht von Reiter und Pferd

 

Wer mit seinem Pferd immer im Gleichgewicht ist – sowohl geistig als auch körperlich – hat Freude am Reiten. Darüber hinaus aber liegt hier eine wesentliche, unverzichtbare Grundlage für den Erfolg im Sport. 

 

Um dieses Gleichgewicht zu erreichen und in allen Lagen zu erhalten, verfahren wir nach den „Überlieferten Grundsätzen“ für die Ausbildung von Reiter und Pferd, wie sie auch in den „Richtlinien“ der FN (Teil1) auf der Grundlage der H.Dv.12 vorgegeben sind. Jeder erfahrene Reiter kennt die mannigfaltigen Probleme, die im Laufe der Ausbildung auftreten können. Fast alle diese Probleme (wenn sie nicht klinischer Natur sind) haben ihren tieferen Grund in mangelnder Losgelassenheit. 

 

Solange Steifheiten oder Verspannungen jeglicher Art nicht beseitigt sind, gibt’s Nichts, kein Takt, keine Anlehnung, keine Durchlässigkeit, ganz zu schweigen von Geraderichtung, Schwung oder Versammlung. 

 

Also ist das erste Augenmerk auf die Losgelassenheit zu richten, wofür uns die Reitlehre ja vielerlei Möglichkeiten bereitstellt, die wir ja auch in der täglichen Ausbildungsarbeit praktizieren.

 

Um diese Arbeit abwechslungsreicher und dazu noch wirkungsvoller zu gestalten, haben wir in Mechtersen eine „Hangbahn“ eingerichtet, ein in der Reitlehre bisher noch nicht erwähnter Begriff, aber eine vorzügliche, wirkungsvolle und dabei schonende Ausbildungshilfe. 

 

Nicht zu verwechseln mit der „Wellenbahn“, ist dies ein Reitplatz auf leicht (etwa 10 Grad) abfallendem Gelände von unterschiedlichen Formationen, wo das Pferd – um im Gleichgewicht zu bleiben – ständig seinen Schwerpunkt den Geländeverhältnissen anpassen muss. Von selbst nimmt das Pferd beim Bergauf die gewünschte Dehnungshaltung ein und tritt beim Bergab mit der Hinterhand stützend unter den Schwerpunkt („Akkordeoneffekt“). Das Ausbildungsprinzip: „Mit Bedacht – vom Leichteren zum Schweren“ wird durch die Natur erleichtert. Beim stärkeren Gefälle wird man vorwiegend – sehr nutzbringend – im Schritt arbeiten. 

 

Erst wenn Reiter und Pferd in allen Lagen die Arbeit in wechselnden Schritt Tempi verstanden haben, wird mit der Arbeit im Trabe begonnen, und in gleicher Weise später mit dem Galopp. Die ungewohnte Arbeit strengt an, daher Maß halten! 

 

Der ständige Wechsel zwischen diesen Extremen, d.h. zwischen der Förderung an die Schubkraft und der Forderung an die Tragkraft der Hinterhand ist außergewöhnlich förderlich für Losgelassenheit und Balance sowei für den Aufbau der richtigen Muskulatur. Auch die wechselseitige Bewegung auf der Horizontalen des Hanges hat eine gymnastizierende Wirkung. 

 

Kleinere Baumstämme – bergauf oder bergab – fördern die Aufmerksamkeit und Trittsicherheit. Dem Reiter hilft dies zu lernen, optimal den Bewegungen des Pferdes zu folgen und dabei stets eine gleichmäßige, weiche Verbindung mit dem Pferdemaul zu unterhalten. 

 

Alle bekannten Hufschlagfiguren können entsprechend dem Ausbildungsstand beliebig angelegt werden. Das Gefälle hilft bei den versammelnden Lektionen. Der lichte Baumbestand lädt die Pferde ein, sich zu biegen und dadurch ihre Geschmeidigkeit zu fördern, halbe Paraden werden leichter verständlich und verbessern die Durchlässigkeit. 

 

pferdiathek von ZiegnerKurd Albrecht von Ziegner im Dressursattel von Wendischka...
pferdiathek von ziegner...genauso zuhause wie im Springsattel. Fotos: Archiv von Ziegner

 

 

Selbstverständlich darf der Reiter für das Pferd keine Behinderung sein, sondern muss dazu angehalten werden, in allen Lagen seinen „Balancesitz“ mit dem sich ständig verändernden Schwerpunkt des Pferdes anzupassen. Unterschenkel, bei elastischem Fußgelenk, bleibt da wo er hingehört, immer im Lot. Hand und Pferdemaul sind eine Einheit!

Daher bietet die Hangbahn auch ein vorzügliches Mittel, Sitz und Einwirkung des Reiters mit dem Pferd in Einklang zu bringen. 

 

Es ist der gemeinsame Schwerpunkt, der über die Harmonie zwischen Reiter und Pferd zur Leistung führt. Dies gilt für alle Disziplinen im Reitsport, ganz besonders bei jungen und bei Korrekturpferden. Auch Reha-Maßnahmen bei schweren Schäden im Bewegungsmechanismus führten zu vollem Erfolg. 

 

Wir haben mit der Arbeit auf der Hangbahn Jahrzehnte lang gute, zum Teil erstaunliche Erfahrungen gemacht. Neben der Entwicklung von Losgelassenheit lassen sich Anlehnung und Durchlässigkeit sowie die weiteren Elemente der Skala leicht verbessern, ohne das Wohlbefinden des Pferdes anzutasten. 

 

Das gilt für Pferde aller Ausbildungsebenen, vorwiegend für junge Pferde, aber auch für Korrekturpferde, und  hier ganz besonders für jene armen Dressurpferde, die an die quälenden Arbeit in der Zwangsjacke (1)* - offiziell verharmlosend auch ‚Rollkur’ genannt – gewöhnt sind und oft gar nicht mehr wissen, wie schön das Leben sein kann. 

 

Die Pferde haben Freude an der Arbeit in der Natur und entwickeln im Verlauf Muskeln an der richtigen Stelle, der Rücken wird wieder elastisch – und Sehnen und Gelenke erfahren die notwendige Stabilität – unverzichtbar für Gesundheit, Kondition und Leistung. 

 

Anmerkungen: 
* Als ich in den achtziger Jahren meine Lehrtätigikeit in den USA aufnahm, war die Rollkur weit verbreitet als ein Erfolg versprechender „german way of dressage“. Dass ‚Rollkur’ jedoch ein Begriff aus der Medizin für Schwerstkranke war, und in Deutschland nur als Abschreckung für eine falsche Reitweise stand, wurde in den USA bald erkannt und folglich in die passende Bezeichnung „straightjacket“ verwandelt. 

 

Ich würde mir wünschen, wenn auch in unserer Reitersprache endlich die ‚Rollkur’ verschwindet und bestenfalls als ‚ZWANGSJACKE’ in schauerlicher Erinnerung bleibt. 

 

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Übrigens: Die Hangbahn in Mechtersen, Norddeutschland, kann auch von Gästen genutzt werden. Diese sind anzumelden unter info (ät) reitschule-mechtersen.de
Mehr über unseren Besuch bei Kurd Albrecht von Ziegner: HIER und HIER. Die DVD über das Hangbahntraining ist HIER zu erhalten, in der pferdiathek ist ein Teil des Films HIER zu sehen. 

 

 

  

Besser Reiten, FN-Verlag


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