Interview mit Klaus Krzisch: Jenseits des Mythos der Hofreitschule Wien

von Jeannette Aretz

Datum: 11.01.2017


Wie es früher in der Spanischen Hofreitschule zuging. Klaus Krzisch hat 45 Jahre lang an der Hofreitschule in Wien gearbeitet, zuletzt als Erster Oberbereiter. Heute konzentriert er sich auf Privatschüler. Ein Interview über seinen Werdegang dort und seine Kritik an der Neuausrichtung der Schule.

 

 

Krzisch pferdiathek

Klaus Krzisch selbst im Sattel von Oldenburger Solisco in der Piaffe. Das Pferd gehört seiner Schülerin Barbara Bertschinger-Bär aus der Schweiz, die es selbst gezogen und mit ihm ausgebildet hat. 

 

 

1964 sind Sie zur Hofreitschule gekommen, Herr Krzisch. Wie kam es überhaupt dazu? Stammen Sie aus einem Reiterhaushalt?
Ich war immer schon irrsinnig tierlieb und bin auf dem Land aufgewachsen, umgeben von Dohlen, Raben, Schlangen und Katzen. Mit Pferden hatten meine Eltern nichts zu tun. 

 

Wie kam es dann dazu, dass Sie ritten?
Ich habe in den Ferien auf der Galopprennbahn gearbeitet. Das war eine Idee meiner Eltern, sie hofften, dass ich danach doch lieber zur Schule gehen. Doch das war ein Fehler! Ich war danach sicher: Ich bleib bei den Pferden!

 

Bei der Hofreitschule hat man sie trotz dieser spärlichen Vorkenntnisse genommen?

Reiten gelernt habe ich in der Hofreitschule, damals war es nicht erwünscht, reiten zu können, damit man sich nichts Falsches angewöhnt hatte. 

 

Wie war ihre anfängliche Zeit dort?

Als Eleve irrsinnig schwer, ich hatte es mir leichter vorgestellt. Zehn Jahre lang dauerte die Ausbildung, man wurde von der Pike auf gefördert. 

 

Drei Jahre an der Longe, heißt es. Richtig?

Ja, wir Eleven bekamen Longenpferde zugeteilt, die nicht in der Vorführung gegangen sind. Wir lernten die Sitzeinwirkung. Man soll nicht am, sondern im Pferd sitzen. Danach durften wir frei reiten, zunächst Pferde, die nicht mehr in der Vorführung gingen. 

 

 

 

Krzisch pferdiathek

In der pferdiathek zeigt Klaus Krzisch, wie er junge Pferde arbeitet. Foto: Inge Vogel

 

Was mussten Sie können, um frei reiten zu dürfen?
Wir durften in den Pausen in einer Abteilung mitreiten. In der Sommer und Winterpause war das. Einfach aus dem Grund, dass es damals noch keine Schrittmaschine gab. Die Pferde mussten bewegt werden, und so wurden 20 Pferde, manchmal sogar 24, in einer Abteilung geritten. Das durften auch die Eleven. Ein Bereiter hatte das Kommando, wir ritten Schritt und durften leichttraben. Das war in den drei Jahren die einzige Möglichkeit, geradeaus zu reiten. Wenn der Oberbereiter sah, dass man das gut machte, durfte man irgendwann frei reiten.

 

Wie ging es dann weiter?

Wenn man talentiert war, durfte man auf den ausgebildeten Pferden Lektionen üben. An die Longe ging es immer wieder, vor allem auch, um die unsichtbaren Hilfen zu schulen. Wir Eleven haben immer versucht, unser Bestes zu geben, um zu vermeiden, wieder an die Longe zu kommen. Es war ja langweilig an der Longe!

 

Die nächste Stufe war der Titel des Bereiteranwärters. Was bedeutet das?  

Genau, das wurde ich nach sechs Jahren Ausbildung. Ab dann darf man in der Vorführung mitreiten. Wenn das funktioniert, bekam man ein eigenes junges Pferd zur Ausbildung. Wenn das fertig ausgebildet war, ist man Bereiter geworden, eine Prüfung im Landwirtschaftsministerium gehörte dazu. 

 

 

 

Krzisch pferdiathek

Klaus Krzisch mit Siglavy Manpua auf blanker Kandare mit aufgestellter Gerte in einer Solo-Vorführung der Wiener Hofreitschule, hier in Amerika. Foto: Archiv Krzisch privat

 

Was war ihr wichtigstes Pferd in all den Jahren an der Schule?

Neopolitano Troja. Mit diesem Pferd bin ich zum Bereiter ernannt worden. Er ist auch Courbetten gesprungen – diese sind jedoch von einem anderen Bereiter ausgebildet worden. Neopolitano Troja ist 24 Jahre alt geworden. Der damalige erste Oberbereiter teilte ihn mir in den siebziger Jahren zu, er sagte: Das wäre ein Pferd für Dich. Ein kleines quadratisches Pferd, fleißig und sehr temperamentvoll. Er ist in der Schulquadrille gegangen, die damals längste Version, die zwanzig Minuten dauerte. 

 

Sie arbeiteten zuletzt, bis 2009, als erster Oberbereiter an der Schule. 

2009 habe ich die Schule verlassen, als Frau Gürtler sie übernommen hat, weil sie versucht hat, unser Ausbildungssystem zu ändern. Sie kann nicht ausbilden – genauso wenig, wie ein normaler Autofahrer kein Michael Schumacher ist. Das was sie vorhat, ist eher Walt Disney. Lichteffekte und Glitzersteine, ist Zirkus, sie ist so etwas wie Zirkusdirektorin. 

 

Blutet Ihr Herz, wenn Sie das sehen?

Das tut so weh. Podhajsky hat nach dem Krieg die Schule gerettet. Die Schule hat den Wechsel von der Monarchie zur Republik überlebt, sie hat die Türkenbelagerung und zwei Weltkriege überstanden. Nur jetzt überlebt sie nicht die Führung durch Frau Gürtler. Wir haben das von Pike auf gelernt, und haben den Auftrag des Ministeriums ausgeführt: Zu schauen, dass Tradition und klassische Reitkunst bewahrt wird. 

 

 

Krzisch pferdiathek

Heute konzentriert sich Klaus Krizisch auf die Schulung von Privatreitern und internationalen Sportreitern.

 

Wie geben Sie Ihre Erfahrungen nun weiter?

An Einzelschüler, und zwar international. Ich habe Kunden in der Schweiz und in Tschechien. Ein Schüler von mir bereitet sich auf eine Qualifikation zu den nächsten olympischen Spielen vor. 

 

Wenn Sie all Ihr Wissen auf eine Lehre reduzieren müssten, was wäre das dann?

Das wichtigste ist, dass man eine Beziehung zu dem Tier aufbaut. Das bekommt man alles zurück. Man muss sehr verständnisvoll sein und nicht glauben, dass das mit Kraft geht. Sondern nur mit Geduld. Die Ausbildungszeit bestimmt immer das Pferd, und nicht der Reiter. Wenn ein Pferd eine Lektion oder Hilfe nicht versteht, dann tut es das nicht absichtlich, sondern das Pferd hat es halt nicht verstanden. Man muss Wege finden, bis das Pferd es versteht. 

 

 

Wenn Sie einen Wunsch an das aktuelle Geschehen in der Dressur hätten, welcher wäre das?
Die Richter mit Trainern und Ausbildern stärker zusammenzubringen. Damit die alle gleich richten, damit das aufhört, dass gerichtet wird nach Namen. Heute sieht man selten eine korrekte Versammlung, Totilas ist zum Beispiel nicht einmal einen versammelten Trab gegangen! Man sieht so vieles, was nicht korrekt ist: da sieht man schlechte Pirouetten, bei denen die Hinterhand ausbricht, da passt bei manchen Pferden im Trab das Tempo nicht zum Takt. Früher hatten wir die Möglichkeit, mit vielen internationalen Dressurreitern zu diskutieren, die die Schule besucht haben. Wir haben Erfahrungen ausgetauscht, denn Dressurreiten ist ewiges Lernen. Das fehlt da draußen. Die Richter haben in der Hand, wie geritten wird. Hätten die Richter zum Beispiel früher schon Rollkurreiten schlecht gewertet, hätten wir nie diese Diskussion gehabt. Deshalb bestimmen letztlich die Richter, wie geritten wird, und dabei heraus kommen im Moment Sachen, die gute Reiter nie machen würden. Dabei ist das so ein schöner Sport, mit Pferden zu arbeiten!

 

 

 

  

  

fn Hannoveraner


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