Weshalb Pferde mit hoher Qualität es oft viel schwerer haben

von Jeannette Aretz

Datum: 13.08.2017


 pferdiathek a life with horsesEin Bild aus den ersten Wochen unserer gemeinsamen Zeit. Damals noch mit vierzügeliger Zäumung. Die brauchen wir heute nicht mehr. Foto: Klara Freitag

 

Seit einigen Monaten arbeite ich mit zwei neuen Stuten. Einer Warmblutstute, einer Reitponystute. Die eine von einer Freundin, die andere meine eigene. Vor einigen Wochen fiel mir auf, dass meine Beziehung zu beiden sehr unterschiedlich ist. Also habe ich mal analysiert – und musste mich danach selbst ganz schön korrigieren. 

 

Also, Fall 1, Warmblutstute, Springpferd, wenig dressurausgebildet, sehr unausbalanciert, sehr schief, sehr lang, wenig Muskeln. Hatte zuvor keine stetige Bezugsperson. Vom Geiste her anfangs der Typ Befehlsempfänger ohne eigenen Ideen. Immer sehr bemüht, alles recht zu machen. 

 

So ging ich damit um:

Ich machte klitzekleine Schritte.

Ich lobte sehr häufig. 

Ich setzte alle Aufgaben wie ein Baukastensystem extrem kleinschrittig zusammen, und hielt alles immer leicht und einfach. 

Ich nahm mir Zeit, zu erkunden, was sie möchte. 

Ich hatte immer im Hinterkopf: Sie kennt das alles anders. Mal sehen, was das werden kann.

Ohne irgendeine Erwartung.

 

Sie wurde immer eifriger, macht den Eindruck, stolz auf sich zu sein, sie ist weitaus ausbalancierter als zuvor und denkt inzwischen mit. Sie mag mich. 

 

Fall 2, Reitponystute aus guten Händen, Jungpferdeprüfungen gegangen, dann Fohlenpause. Keine körperlichen Schwierigkeiten, viel Bewegung, locker, wenig schief, fröhlich, zugewandt. Ein wirklich gutes Dressurpony.

 

Das machte ich mit ihr:

Ich legte vor allem Wert darauf, sie wieder aufzutrainieren. 

Nach zwei Jahren Pause hatte ich vor allem den Körper im Blick: Rücken- und Bauchmuskulatur wieder formen, deutlich abspecken lassen. 

Ich wusste, die hatte es immer gut gehabt, und dieses Pony hat sehr viel Potential.

Ich erwartete mehr. Natürlich war ich fair zu ihr, wie zu allen Pferden: Ich lobte, ich wog ab, ich machte nicht zu viel auf einmal. 

Im Hinterkopf jedoch war: Hoffentlich werde ich diesem Potential gerecht. Und: Ich möchte daraus ein Kinderpony machen, und zwar nicht erst in drei Jahren. 

 

Meine Erwartung war: Durchaus da. Und nicht gerade gering.

 

Qualität verführt uns Menschen

Nach einigen Monaten nun gucke ich meine zwei Damen an. Und sehe, dass meine Erwartung, die ich natürlich eigentlich gar nicht haben will oder auf jeden Fall nicht so unterschiedlich haben will, einiges beeinflusst hat. Ich stelle fest, dass mein Pony lieber mit anderen schmust, als mit mir. Kein schönes Gefühl. Und ich stellte fest, dass die große Stute mitkommen möchte, wenn ich das Pony für die Arbeit reinhole, und zuguckt manchmal, wenn ich etwas mit dem Pony mache. Die große Stute ist weitaus schlauer, als ich das anfangs dachte, beginnt immer mehr mitzudenken und Dinge von sich aus anzubieten. Auch das Pony hat sich positiv verändert, geht schöner als anfangs. Aber die Beziehung zur großen Stute ist eine engere als zum Pony. Das machte mich sehr nachdenklich. Und auch traurig.

 

Ich glaube, dass das ein Muster ist, was nicht nur ich habe. Viel Potential, gutes Pferdematerial verführt uns Menschen schnell, mehr zu erwarten. Es ist eine Verführung, die null Komma null gut für das Pferd oder für uns ist. 

 

Zielorientiert oder Beziehungsorientiert?

Ich habe die Ponystute nie zu hart angepackt – aber ich habe das Vorankommen über die Beziehung gestellt. Ich war in erster Linie zielorientiert. Dabei wäre mir fast das Wichtigste abhanden gekommen, worum man ja ein eigenes Pferd hat: Vertrautheit, irgendwann.

 

Bei der großen Stute, die weder körperlich noch von ihrer Vergangenheit her vermuten lässt, dass mit ihr großes dressurtechnisch möglich ist, waren meine Erwartungen ganz klein. Genau das hat alles so leicht gemacht, so viel Freude geschenkt, weil jeder kleine Schritt eine Welt war. Diese Freude hat sie bemerkt und ist immer besser geworden. 

 

Das Ganze habe ich vor einigen Wochen festgestellt und mir vorgenommen, dass mein Pony das nicht verdient hat. Es ist unfair, nur weil sie gut ist, nicht auch jede Kleinigkeit zu feiern. 

 

Es ist okay, nicht herausragend zu sein

Schließlich gilt es ja nichts zu beweisen – wir haben alle Zeit der Welt, und wenn sie erst in einem Jahr oder so wirklich wieder optimal da steht, muskulär, dann ist das eben so. Und auch, wenn andere Leute dieses Pferd weitaus besser vorstellen oder reiten oder ausbilden könnten als ich – es ist meine, und darum geht es. Es ist okay, nicht herausragend zu sein. Es ist aber nicht okay, nicht das Beste zu wollen. Das beinhaltet übrigens, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und sich auch selbst immer weiter schulen zu lassen. Hungrig nach Wissen zu sein und zu bleiben!

 

Von da an habe ich mir mehr Zeit für sie genommen. 

 

Mehr Zeit auf dem Paddock mit ihr, mehr Zeit zum Putzen, habe sie auch ohne Arbeit mal besucht und einfach versucht, meine Erwartungen komplett runter zu schrauben. Nicht einfach, weil so etwas ja nur zum Teil im Bewusstsein abläuft. 

 

Sie zu prüfen, die unterbewussten Erwartungen sind der erste Schritt, um wirklich offen zu sein, glaube ich. Auch wenn sich das nicht schön anfühlt. 

 

Mir ist dazu noch ein Gespräch von vor vielen Jahren eingefallen. Eine Ausbilderin erzählte mir, dass sie die Einheiten stets sehr kurz hält, seit sie mal mit einem Kaltblüter gearbeitet habe. Sie hielt dieses Pferd anfangs für wenig intelligent und mit wenig körperlichen Möglichkeiten ausgestattet. Deshalb hielt sie alle Einheiten kurz und zerlegte Neues in allerkleinste Minischritte. Um schnell zum Loben zu kommen, um einfach Erfolgserlebnisse zu produzieren. Diese Kaltblutstute wurde schließlich ihre Musterschülerin. Sie lernte schnell und weitaus mehr, als die Ausbilderin je zu hoffen gewagt hatte.

 

So kleinschrittig wie möglich, und ohne Erwartungen. Mein neuer Vorsatz. 

 

 

P.S.: Wer Fotos von den beiden sehen will: Hier sind ein paar mehr. 

 

 

 

*************

Am Wochenende gibt's im pferdiathek-Magazin immer einen Artikel aus dem Blog www.alifewithhorses.de. Zur Einstimmung ins Wochenende spreche ich, Jeannette, hier oft über Motivation & Gedanken zum Reiten und erzähle, was ich so mache, wenn ich gerade nicht am Laptop sitze und über berühmte Pferde und Menschen schreibe. 

Ein entspanntes, wunderbares Wochenende wünscht das gesamte pferdia tv-Team! Tipp: Unsere Filme schauen sich besonders gut mit viel Muße am Wochenende. Haben wir mehrfach getestet und für hervorragend befunden!

 

 

   

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