Welche Muskeln des Pferdes Du beim Hangbahntraining ansprichst

von Jeannette Aretz

Datum: 10.05.2018


 pferdia Hangbahntraining Das Pferd soll beim Bergabreiten begleitet werden - warum und wie, erklärt in diesem Artikel eine Osteopathin. Fotos: Inge Vogel  

 

Wer die Rückenmuskulatur des Pferdes trainieren will, der sollte bergauf und bergab reiten! Hört man häufig. Das machen auch die Großen, Ingrid Klimke zum Beispiel geht regelmäßig am Berg galoppieren. Und der legendäre Pferdekenner Kurd Albrecht von Ziegner, der 2016 gestorben ist, schwor auf sein Dressurtraining an der Hangbahn.

Was jedoch genau macht das Reiten auf unebenem Boden so wertvoll?

 

In seinem Lehrfilm zum Hangbahntraining erklärt Kurd Albrecht von Ziegner den Nutzen aus Sicht des Reitausbilders: „Das Pferd muss ständig bei dieser Arbeit seinen Schwerpunkt wechseln“, sagt er. Dabei geht er von einem Gelände mit zehn bis 15 Prozent Steigung aus. Dass der Schwerpunkt stetig wechselt, „ist der Sinn der Sache. Und der Schwerpunkt des Reiters wechselt ebenfalls. Die beiden sollen im gemeinsamen Gleichgewicht bleiben, die ganze Zeit.“

 

Gymnastizieren beim Ausreiten

 

Kurd Albrecht von Ziegner hat das Konzept des Hangbahntrainings selbst entwickelt. Er bevorzugte ein Waldstück, auf dem auch Bäume ins Training integriert werden können, um Volten um sie herum zu reiten. Auf der Hangbahn zu reiten „ist der Anfang der Versammlung!“, sagt er im Film, in dem er seine Vorgehensweise beim Hangbahntraining erklärt. „Das Pferd möchte selber im Gleichgewicht sein. Es gibt keine bessere Möglichkeit, schonend und zielstrebig an der Kondition zu arbeiten, wie an einer Hangbahn! Das Pferd muss immer bergauf-bergab, bergauf-bergab, die Muskeln dehnen sich und ziehen sich wieder zusammen.“

 

 pferdia Gelände Hangbahntraining  Der Wechsel zwischen bergauf und bergab gibt dem Pferdekörper sehr unterschiedliche Trainingsreize. Fotos: Inge Vogel  

 

 

Wie kräftigt man die Hinterhand des Pferdes?

 

Landläufig weiß jeder Reiter: „Berge hochreiten macht Muskeln!“ Doch welche genau, und wie soll so ein Training aussehen? „Durch das Bergauf- und Bergabreiten wechselt man ständig zwischen Schub- und Tragkraft, das ist ein gutes Training für die Hinterhand“, erklärt Dressurausbilderin und Osteo-Concept-Coach Claudia Butry. „Außerdem ist Hangbahntraining ein optimales Propriozeptions-Training!“ Propriozeption meint die Wahrnehmung des eigenen Körpers und dessen Bewegung. „Die Propriorezepetoren werden durch die vielfältigen Fußungsreize optimal angesprochen.“

 

So erhöht man die Trittsicherheit bei Pferden

 

Gemeint ist damit, was Vielseitigkeitsreiter unter Fußungsintelligenz verstehen, erklärt Claudia Butry: „Das Pferd soll in variantenreichen Situationen lernen, sich im Raum auszubalancieren. Das kann auf unterschiedlichen Untergründen, mit Rauf- und Runtergehen gut erarbeitet werden.“ Die Güte des Trainings auf der Hangbahn ist für sie klar: „Mit Hangbahntraining setzt man Reize für Muskeln, Sehnen und Bänder.“

 

 

Welche Muskeln trainiert man beim Bergaufreiten?

 

Ihre Kollegin Claudia Weingand, ebenfalls Osteo-Concept-Coach und Osteopathin für Pferde nach Welter-Böller, erklärt welche Muskeln das Bergauf- und Bergabreiten beim Pferd anspricht:

„Berauf und bergab im Wechsel zu reiten ist klug, da man dann ventrale und dorsale Muskelketten zusammen trainiert.“ Die dorsale Muskelkette umfasst alle Muskeln, welche die Wirbelsäule strecken. Die ventrale Muskelkette umfasst alle Muskeln, welche die Wirbelsäule beugen. Zur ventralen Muskelkette gehören zum Beispiel die Bauchmuskeln und diejenigen Muskeln, die unterhalb der Halswirbelsäule liegen. Muskeln einzeln anzusprechen geht nämlich so gut wie nie – Muskeln arbeiten immer in Gruppen oder Muskelketten.

 

pferdia Gelände Hangbahntraining Klimke  Auch im Stall Klimke steht Training am Berg auf dem Programm. Fotos: Inge Vogel  

 

 

Was trainiert man beim Bergabreiten? 

„Wenn ich korrekt bergab reite, ist die ventrale Muskelkette aktiv“, erklärt Claudia Weingand. „Das Pferd kippt das Becken ab. Das passiert, weil die wichtigsten Bauchmuskeln an einer Sehne am Schambein ansetzen. Spannt das Pferd diese Muskulatur an, wird das Becken abgekippt. Die Hinterhand trainiert man bergab in Richtung Tragkraft“, erklärt sie. „Bergabreiten ist immer ein Training in Richtung Versammlung“, sagt Claudia Weingand und unterstützt damit aus osteopathischer Sicht die Aussage im Lehrfilm von Kurd Albrecht von Ziegner, das Hangbahntraining das Pferd ganz natürlich an die Versammlung heranführt. Merke: Korrektes Bergabreiten ist ein Training der Bauchmuskulatur des Pferdes, der gesamten ventralen Muskelkette sowie ein Tragkrafttraining für die Hinterhand

 

Rückenmuskulatur beim Pferd aufbauen

Bergauf sieht es anders aus: Da entspannen die Bauchmuskeln und die Beine schieben jetzt. „Beim Bergaufreiten habe ich eine verlängerte hintere Stützbeinphase, da das Pferd den Berg hochkommen muss“, erklärt die Osteopathin für Pferde. „Ich habe mehr Aktivität der Rückenstrecker-Kette. Die Kruppe wird flacher, es geht in Richtung Schub und Vorwärts.“ Merke: Bergaufreiten ist ein Training für die Schubkraft des Pferdes.

 

Das Pferd nicht überanstrengen

Ganz wichtig zu beachten ist: Hangbahntraining ist wirklich anstrengend, „es ist nicht für untrainierte Pferde zu empfehlen!“, sagt Claudia Weingand. Wichtig beim Bergabreiten: Wenn das Pferd ermüdet und mit durchhängender Wirbelsäule den Berg herunter geht, dann kann es nicht mehr schön auffussen, nicht mehr das Becken abkippen, dann geht es in die Lendenwirbelsäule und der Schritt kann auch passiger werden.

 

Wenn Pferde jedoch es gewöhnt sind, jeden Tag bewegt und gearbeitet zu werden, spricht nichts dagegen, das Hangbahntraining regelmäßig einzubauen. „Aber bitte nicht jeden Tag 30 Minuten Hangbahntraining, das kann Strukturen überlasten. Das ist wirklich, wirklich anstrengend!“ sagt Claudia Weingand. Zwei Mal die Woche Hangbahntraining zu integrieren kann sehr sinnvoll sein, sagt die osteopathische Pferdetherapeutin nach Welter-Böller.

 

Wann gilt ein Pferd als trainiert?

Von einem trainierten Pferd würde sie ausgehen, wenn das Pferd kontinuierlich seit mehreren Monaten vier Mal die Woche regelmäßig in allen Gangarten gearbeitet wird „und danach nicht oder leicht über die arbeitende Muskulatur schwitzt.“ Zeichen für eine Überanstrengung beim Hangbahntraining sind folgende: „Wenn das Pferd beginnt zu stolpern, hinter dem Sattel den Rücken wegdrückt, bergab rennt oder extrem langsam wird.“ Das Stolpern oder Rücken wegdrücken kann aber auch an Reiterfehlern liegen, erklärt sie: „Es kann auch sein, dass Stolpern oder Rücken wegdrücken durch Sitzfehler des Reiters passieren. Wichtig ist, das Pferd auch bergab zu begleiten. Bitte nicht das Treiben komplett aufgeben! Sanftes, angemessenes Treiben mit dem Schenkel hilft dem Pferd, die Bauchmuskulatur zu aktivieren!“

 

 

Wie der Reitersitz auf der Hangbahn das Pferd optimal begleitet, kannst Du Dir in den Lehrfilmen mit Kurd Albrecht von Ziegner ansehen.

 

 

 

 

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